Lieselotte Schnell, Arnstadt

Allen, Cibuzar, Werner, Wyst, Korte, Rosenbaum, Hermes, Zehnel, Mc Leod, Lindner, Kummer, Kortunov, Kalugin, Heimann, Wander u. v. m.

Moderator: Under

Lieselotte Schnell, Arnstadt

Beitragvon kps » Mittwoch 24. Februar 2010, 08:21

...Schon zum Ende des Krieges musste sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Die Firma hatte Metallteile für die Großbaustelle im Jonastal geliefert, Rohre, Baustahl, Träger in große Mengen. "Wofür, haben die uns nicht gesagt". Wegen des Kriegsendes wurden die letzten Lieferungen aber nicht mehr bezahlt. Weil der Vater nicht da war, ging sie zu den Russen und erwirkte eine Bescheinigung, dass sie sich die Sachen wieder abholen durfte im Jonastal. "Und dann bin ich hingefahren", sagt Lilo Schnell, als sei dass das Normalste von der Welt gewesen. Weil sie einmal da war, wollte sie auch wissen, was drin war in den vielen geheimnisvollen Stollen und ist hineingelaufen, "ganz allein und ziemlich weit", wie sie heute sagt. Doch außer gekachelten Wänden konnte sie nichts erkennen, es war einfach zu dunkel. Aber sie lief und lief, bis sie über etwas stolperte. Was es war, hat sie nie erfahren. Denn irgendwie wurde es ihr doch etwas mulmig und sie rannte wieder hinaus. Die unbezahlten Metallsachen aus dem Lager draußen hat sie aber natürlich mitgenommen...


Quelle: TA online am 24.02.2010

Preußisch und fichelant

Die Arnstädterin, die heute ihren 90. Geburtstag feiert, ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, denn bis zur Rente führte sie den von ihrem Großvater gegründeten Metall-Großhandel am Arnstädter Ried.

ARNSTADT. Mit Lieselotte Schnell trifft man sich nicht, man wird empfangen. Sie wohnt noch immer im Lohmühlenweg, umgeben von stilvollen Möbeln und vielen Erinnerungsstücken. Das große Haus Nummer 25 allerdings hat sie eingetauscht gegen eine Wohnung in der Terrassenanlage für Senioren nahe der Lohmühle.

Auch mit 90 Jahren ist sie noch jene Dame, als die sie viele Arnstädter kennen gelernt haben. Ihr Leben war bestimmt von der Firma, die ihr Großvater Nicolaus 1878 gegründet hatte und später ihr Vater Paul weiter führte. Das Ladengeschäft am Ried, wo es noch bis zur Wende Werkzeuge zu kaufen gab, war nur ein kleiner Teil der Firma. Die richtigen Umsätze machten die Schnells mit Eisenstäben, Blechen, Röhren und anderen Waren, die sie an Firmen verkauften. Ein echter Metall-Großhandel eben.

In diesem Umfeld wuchs Lilo auf. Sie wurde "ziemlich preußisch" erzogen, sagt sie, auf Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und gute Manieren wurde viel Wert gelegt im Hause Schnell. Dass bekannte Leute von Thyssen oder anderen großen Firmen bei Schnells aus- und eingingen, war für die kleine Lilo normal. Und sie hatte nie Berührungsängste. "Wenn mein Vater sagte, geht doch mal zu dem und frag ihn das und das, dann hab ich das eben gemacht", erzählt sie. Sie sei eben schon immer " dreist und gottesfürchtig" gewesen.

Es gab keinen männlichen Erben in der Familie. Und ihre jüngere Schwester hatte mehr eine künstlerische Ader. "Also hat mein Vater gesagt: Du musst die Firma übernehmen". Lieselotte wollte es eigentlich nicht. Aber sie machte es doch, nach einer gründlichen Ausbildung in Strasbourg im Elsass.

Schon zum Ende des Krieges musste sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Die Firma hatte Metallteile für die Großbaustelle im Jonastal geliefert, Rohre, Baustahl, Träger in große Mengen. "Wofür, haben die uns nicht gesagt". Wegen des Kriegsendes wurden die letzten Lieferungen aber nicht mehr bezahlt. Weil der Vater nicht da war, ging sie zu den Russen und erwirkte eine Bescheinigung, dass sie sich die Sachen wieder abholen durfte im Jonastal. "Und dann bin ich hingefahren", sagt Lilo Schnell, als sei dass das Normalste von der Welt gewesen. Weil sie einmal da war, wollte sie auch wissen, was drin war in den vielen geheimnisvollen Stollen und ist hineingelaufen, "ganz allein und ziemlich weit", wie sie heute sagt. Doch außer gekachelten Wänden konnte sie nichts erkennen, es war einfach zu dunkel. Aber sie lief und lief, bis sie über etwas stolperte. Was es war, hat sie nie erfahren. Denn irgendwie wurde es ihr doch etwas mulmig und sie rannte wieder hinaus. Die unbezahlten Metallsachen aus dem Lager draußen hat sie aber natürlich mitgenommen.

Endgültig übernahm sie den Betrieb mit etwa 35 Mitarbeitern, der auch in dieser Zeit noch privat geblieben war, in den 50er-Jahren von ihrem Vater. "Es gab nur zwei Firmen dieser Größe in Thüringen, die nicht verstaatlicht worden waren. Eine davon waren wir". Sie hatte auch in der DDR einen großen Kundenkreis, auch weil sie die Firmenphilosophie von Großvater und Vater fortsetzte. Kulant sein zu den Kunden und höflich, aber gerade in der DDR auch immer "fichelant". Ein Wort, das heute kaum noch Verwendung findet. Aber es klingt aus dem Mund von Lieselotte Schnell keinesfalls altmodisch. Denn es bedeutet, seinen Vorteil zu suchen, ohne anderen zu schaden. Oder wie sie sagt: "Man muss eben mit von der Partie sein".

Die Schnells waren immer mit von der Partie. Die Familie spendete für die Stadt oder ließ auf eigene Kosten Bäume pflanzen im Lohmühlenweg. Und auch, wenn das Hauptgeschäft eher im Großhandel lag, für Werkzeuge galt in Arnstadt der firmeneigene Spruch: "Du sei hell - kauf nur bei Schnell".

Lieselotte Schnell hat die Firma auch geführt, als sie halbstaatlich wurde. So lange, bis sie in Rente ging. Das Werkzeuggeschäft wurde dann von der HO betrieben, bis zur Wende. Seitdem ist nichts mehr zu sehen von der Firma Schnell, heute beherbergt das Ladengeschäft einen Friseursalon.

Auf die Frage, ob sie ein wenig Wehmut befällt, dass nun nichts mehr geblieben ist von ihrem Lebenswerk, antwortet Lieselotte Schnell: "100 Jahre hat die Firma existiert. Ich finde, das ist eine ganze Menge".
23.02.2010 Von Eberhardt PFEIFFER
Eine Entmystifizierung des Jonastals ist zwingend notwendig
Benutzeravatar
kps
unheilbar Jonastal-süchtig
 
Beiträge: 5626
Registriert: Freitag 24. Oktober 2003, 06:59
Wohnort: Crawinkel

Beitragvon Volwo » Mittwoch 24. Februar 2010, 09:04

Danke

wir haben von der Dame auch eine Zeitzeugenaussage anlässlich eines unserer OG (ich glaube, das OG über Baustelle, was wir beide zusammen moderiert hatten).
Steht in dieser Rubrik glaube ich noch gar nicht drin.
Benutzeravatar
Volwo
Ehemaliger
 
Beiträge: 6223
Registriert: Donnerstag 6. November 2003, 18:02
Wohnort: EINBECK

Beitragvon MunaUede » Mittwoch 24. Februar 2010, 09:10

Was ist ziemlich weit nach so vielen Jahren,...,?

Sie war damals ca. 25 Jahre und als Frau bei den Russen,...,. Dann noch als Firmenvertreterin eines Unternehmens, die an die Nazis geliefert haben?



Sie kann über alles mögliche gestolpert sein. In welchen Stollen war Sie?

Was hat die Firma genau geliefert?

Gespräch mit ihr ausmachen?
MunaUede
Jonastal-Fortgeschrittener
 
Beiträge: 291
Registriert: Montag 3. Juli 2006, 14:27

Beitragvon kps » Mittwoch 24. Februar 2010, 10:15

Volwo hat geschrieben:Danke

wir haben von der Dame auch eine Zeitzeugenaussage anlässlich eines unserer OG (ich glaube, das OG über Baustelle, was wir beide zusammen moderiert hatten)...


Dazu sage ich nichts mehr. Die Aussage ist mir so auch bekannt.

Wenn Ihr nochmal nachfragt, dann versucht zu klären, was Sie mit gekacheltn Wänden meint, wie weit unter Umständen gefliest war (nur Eingang?) bzw. wie groß die Fliesen/ Kacheln waren und welche Farbe sie hatten etc. Hatte Sie kein Licht dabei?

MfG
kps
Eine Entmystifizierung des Jonastals ist zwingend notwendig
Benutzeravatar
kps
unheilbar Jonastal-süchtig
 
Beiträge: 5626
Registriert: Freitag 24. Oktober 2003, 06:59
Wohnort: Crawinkel

Beitragvon Volwo » Mittwoch 24. Februar 2010, 11:20

>>Dazu sage ich nichts mehr

??


Ich schau bei Gelegenheit nach, was sie genau sagte, sind glaube ich mehrere Seiten Text. Hat glaube ich seinerzeit unser W. aufgenommen.
Benutzeravatar
Volwo
Ehemaliger
 
Beiträge: 6223
Registriert: Donnerstag 6. November 2003, 18:02
Wohnort: EINBECK

Beitragvon Neugier » Mittwoch 24. Februar 2010, 18:56

@Volwo

wie komme ich an die Aussage von damals? Ein Bekannter will sie gerade anlässlich dieses Geburtstages für eine Zeitung befragen.
Team Σ Sigma

"Es ist nicht möglich, die Fackel der Wahrheit durchs Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu versengen." (Lichtenberg)
Neugier
Jonastal-Fortgeschrittener
 
Beiträge: 441
Registriert: Sonntag 13. Januar 2008, 16:20
Wohnort: Arnstadt

Beitragvon Volwo » Mittwoch 24. Februar 2010, 19:06

N´abend,
Adresse habe ich nicht parat, ruf doch mal im Büro an.
Benutzeravatar
Volwo
Ehemaliger
 
Beiträge: 6223
Registriert: Donnerstag 6. November 2003, 18:02
Wohnort: EINBECK

Beitragvon Silko » Donnerstag 25. Februar 2010, 00:15

Die Firma das Vaters war doch nicht etwa die des Gustav Schnell aus Arnstadt, oder?
Je weniger wir Trugbilder bewundern, desto mehr vermögen wir die Wahrheit aufzunehmen. (Erasmus von Rotterdam)
Benutzeravatar
Silko
Jonastal-Guru
 
Beiträge: 2725
Registriert: Samstag 18. September 2004, 13:01
Wohnort: Leipzig

Beitragvon ute » Mittwoch 3. November 2010, 19:05

hallo, die firma war die von gustav schnell

ich habe vor monaten ein gespräch mit ihr geführt. wir haben uns angefreundet. letzten sonntag war ich wieder bei ihr. das alter fordert seinen tribut. das was kps hier schreibt stimmt so.
welcher stollen, konnte sie nicht mehr sagen.

ich bin mal mit ihr im jonastal gewesen . vom auto aus schaute sie sich alles an. konnte aber nichts genaues zum stollen sagen.

tolle frau , bin froh sie zu kennen.
Jede einem Menschen zugefügte Beleidigung gleichgültig welcher Rasse er angehört, ist eine Herabwürdigung der ganzen Menschheit.
Albert Camus
ute
GTGJ-Mitglied
 
Beiträge: 164
Registriert: Mittwoch 27. Juli 2005, 20:57
Wohnort: gräfenroda


Zurück zu Zeitzeugenaussagen Jonastal und Umgebung

  • VISITORS

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

Design by GB